Nur die Harten kommen in den Garten?

Das war schon immer meine Devise (ohne Fragezeichen), jetzt ist  es umso mehr. Bin in der Reha, jetzt seit gut zwei Wochen, und bin langsam „Alte Hase“ hier, ich kenne  mich aus, weiss welche Therapiezimmer wo sich befindet, weiss,  wenn man eine Banane zu Frühstück abkriegen will, dann muss man früh dran sein. 

Apropos Essen: der Koch und ich hatten einen schlechten Start, er kocht zum Teil leckere Sachen – obwohl ich mich hier Vegetarisch ernähre – ich habe ihn also unrecht getan. Nur das Frühstück und Abendessen hängt mir aus dem Hals, ich kann kein Käse und keinen weissen Semmel mehr sehen. Ich habe das Privileg, dass mein Essen auf dem Tisch gestellt wird, so wenn es mir nicht gefällt, dann muss ich mich an die Büffet stellen, in die Schlange, wie die meisten anderen auch. Was ich auch mal zum Abendessen tue, und hole mir Salat.

Ich weiss wann freie Stunden stattfinden an Geräten, Laufband und Schwimmbad, zum Nordic Walking kann ich es mir aussuchen, wenn ich frei bin. Ich gehe jeden Tag zum Gerätetraining und zum Laufband. Der Besucherzahl hält sich im Grenzen, und ich muss meistens nicht warten. Mit stolz kann ich berichten, dass ich 30 Minuten laufen kann, ohne mich fest zu halten. (Ich hätte früher nie gedacht, dass ich das mal als Erfolg verbuchen werde – wow, ich habe einen Erfolg! -, denn für einen gesunden Mensch ist das Pipifax). Okay, ich gerate mal ins wanken und muss mich auffangen, aber immerhin lasse ich die Haltegriffe los, schwinge bewusst die Arme, entspanne den Schulter, schaue gerade aus und schleife die Füße nicht. Nach 30 Minuten bin ich auch ziemlich fertig. Also ich übe jeden Tag, denn nur die Harten kommen in den Garten.

Gesellschaftlich gesehen, passiert hier nicht viel. Ich bin weiterhin Aussenseiter, mir macht das nichts aus, aber ich kann mir aber vorstellen, das dass einer Person viel ausmachen kann, der Schwierigkeiten hat mit dem Alleinsein. Die Raucher bilden ihre Grüppchen, die MS-Kranke auch. Ich tue mich da schwer, denn für die geht es darum, wie die sich mit der Krankheit arrangieren im Alltag, was sicher nicht einfach ist. Für mich geht  es aber um etwas ganz anderes – wie lebe ich damit. dass der Tod, wie ein Damoklesschwert, immer über meinem Kopf hängt. Wie lebe ich damit, dass ich jeden morgen mit der Frage aufwache, ob sich etwas verändert hat, und das ist nie eine positive Veränderung. Wie lebt man damit, dass man extrem viel macht, und nie einen Erfolg verbucht? Der Erfolg soll sein, dass es langsamer schlechter wird, was man unmöglich messen kann – wie scheisse ist das denn? Diese Fragen muss man mit sich ausmachen, leider. Da gibt es keine Wahl, dass hat man als Realität. Helfen würde hier jemand, mit meiner Krankheit. mit der ich mich austauschen und mit der wir uns trösten könnten, jemand der VERSTEHT.

Ich hatte letzte Woche eine Beratung zu Inkontinenz. Ich weiss, scheiss Thema, wortwörtlich, wir reden alle nicht gerne drüber. Also, Blase: man soll sich einen Neurourologen suchen, unter anderem, eine Untersuchung Namens „Urodynamik“ machen lassen, es kann unterschiedliche Stellen in der Blase geben, die betroffen sein können. Da kann auch einiges gemacht werden, und es wird festgestellt, inwiefern die Blase „nervös“ ist. Harnweginfektionen sollen vermieden werden, denn das ist für uns ganz schlecht. Untersuchungen jedoch, wie Restharnuntersuchung, kann fast jede Krankenhaus.
Des weiteren wurde der Darm zum Thema gemacht, denn das damit verbundene Problem ist bei uns auch verbreitet, und kann extrem das Lebensqualität (wie ich das Wort schon doof finde) verschlechtern. Es geht darum, dass man den Enddarm jeden Tag entleeren soll, womit es nicht zu Stau und damit nicht zum Drang kommt. Man soll entsprechend mit Ernährung was dafür tun (Flohsamenschalen z.B.) aber weil das bei den meisten bei uns nicht genug ist, holt man aus der Apotheke eine bestimmte Elektrolyte (ich hab den Namen schon, ich will hier nur keine Werbung machen für das Präparat, bei Interesse schreibt mich an), das ist kein Medikament was erstmal gut ist. Dieses Zeug macht den Stuhl „voluminöser“, also man wird ihn leichter los.
Der Gehirn gibt jeden Tag einen Impuls an den Darm „Platz zu machen“, in der Regel nach dem Frühstück. Dieses Zeitraum soll man ausnutzen, und sich auf die Toilette setzen, ob man muss oder nicht.  Füße auf ein Hocker stellen, das hilft der Darmbewegung und ist auch gut für den Blutdruck. So soll man den Körper beibringen „Platz zu machen“, den Enddarm leer zu halten und somit ein Tag Zeit zu gewinnen. Wenn das alles nicht hilft, es gibt eine mechanische Art, eine Art Einlauf, was hilft und einem Zeit gibt.

Nun bin ich mit Wissen gewappnet, und werde zuhause einen Neurourologen suchen, und mal untersuchen lassen, wie „nervös“ ist meine Blase.

Was mir hier noch bewusst geworden ist, dass ich eine Art Vermeidungsmethode anwende. Ich mach den ganzen Tag Sport, was mich davon abhält, tiefer nachzudenken. Hier kommt man nicht drum rum, an Therapien wie Psychologe, Sozialberater oder Berufstherapie (?!  ja, die wollen gerne wissen, ob die mich noch arbeiten schicken können)
Ich habe gemerkt, wenn ich anfange tiefer zu graben, mich damit zu beschäftigen, was ich kann und was nicht, was nie wieder der Fall sein wird, und was mich erwartet, dass ich dieses Voranschreiten bestenfalls nur verlangsamen kann, das alles verdirbt meine Laune, für mehrere Tage. Es gibt auch Tage, wo ich das besser packe, und Tage wo ich das garnicht packe. Aber ich möchte mich damit nicht beschäftigen, es vor allem nicht aussprechen. Vieles schürt mir einfach die Kehle ab, und ich kann einfach nicht darüber reden. Denken oder schreiben ist anders. Aber es bleibt mir nichts übrig, da muss ich durch, und lernen damit umzugehen.

Apropos reden: intensiveres und öfteres Logopädie wäre Hilfreich. Ich glaube das werde ich ansprechen, Gruppenübungen sind nett, aber kommen nichtmal ein bisschen nah, an meine allererste Logopädin, die ich zum Anfang gehabt hatte, und die super war. Und meine Sprache wird leider schlechter, und die Sprache zu verlieren, gehört zu meinen Horror-Vorstellungen.

Übrigens: mein Schlaf- und Essgewohnheiten werden hier besser, bzw. regelmässiger. Ich schlafe hier meistens schon gegen 21:00 Uhr und letzte Woche habe ich ein Kilo zugenommen!

4 Antworten auf „Nur die Harten kommen in den Garten?“

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen! Nicht mehr sprechen zu können ist auch meine schlimmste Horrorvorstellung! Und dieses Gefühl der Machtlosigkeit, das Wissen, unser Ziel ist es den Tod hinauszögern macht mich manchmal echt irr! Ich habe schon öfter mal gesagt ich hätte gerne Brustkrebs da treffen mich Blicke.die.mir sagen „du hast sie wohl nicht alle“ aber da besteht wenigstens – aktuell schon – die Chance auf Heilung! Ich bin ja ein extrem positiver Mensch und so glaube ich feste an die Pharmazie, wir hoffen auf die Möglichkeit, an einer Studie teilzunehmen, ohne in der Plazebogruppe zu landen. Diese Studie scheint wirklich eine reelle Chance auf Verlangsamung zu sein.. Wir geben die Hoffnung nicht auf!
    Übrigens, manchmal mache ich meine Logopädie-Hausaufgaben während des Autofahrens.. Wenn ihnen also mal jemand entgegen kommt der ihnen herzhaft die Zunge rausstreckt, denken Sie sich nix, es könnte ein „Kollege“ von uns sein ?

    Sei weiterhin so fleißig, liebe Marta und gib die Hoffnung nie auf!
    Liebe Grüße Sandra

    1. Stimmt, ich hab auch Angst davon, was passieren wird, wenn die Hoffnung mal weg sein wird. Denn es ist so schon heftig, dabei habe ich noch ne Menge Hoffnung. Und es geht mir „Vergleichsweise“ noch gut.
      Viel Spass beim Zunge ausstrecken weiterhin! Wir könnten uns gegenseitig Grimassen schneiden, haha…

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