Wie ich im zarten Alter von zweiundsechzig Jahren zu meinem ersten Tatoo kam


Meine Sprechstörung war eines der ersten Symptome meiner Erkrankung und ist momentan für mich das schlimmste Symptom. Ich hatte einen Sprechberuf in dem ich leidenschaftlich gerne gearbeitet habe. Deshalb ist sprachliche Kommunikation für mich existenziell wichtig. Ich bin körperlich sehr langsam in meinem Bewegungen, was beim normalen Parkinson und auch bei der MSA eigentlich normal ist. Nur meine Klappe hält sich nicht daran. Meine Worte galoppieren mir davon und meine Zunge und meine Lippen kommen gar nicht hinterher. Mein Sprechen hört sich an als würden die Worte alle aus meinem Mund purzeln und dabei stolpern. Seit meiner Diagnose habe ich Logopädie, und ich übe täglich langsam zu sprechen. Meine Logopädinnen waren fast am verzweifeln mit mir. Wir haben allle möglichen und unmöglichen Übungen veranstaltet. Nichts hatte bisher geholfen. Bei meinem letzten Aufenthalt in Wolfach bekam ich eine neue Therapeutin. Frau Busch hörte mir eine Minute lang zu, unterbrach mich und teilte mir mit “ Sie brauchen ein Pacing Board , ein Sprechbrett“, holte eines aus ihrer Tasche, gab es mir, und zeigte mir wie es funktioniert. Und wer mich kennt, weiß dass ich allen meinen Hilfsmitteln einen liebevollen Namen verpasse. Und so wurde aus dem Pacing Board mein “ Schwätzbrettle“. Es ist eine ca. 20 cm lange schmale Platte die in 6 gleich große Felder unterteilt ist. Man tippt beim Sprechen einfach bei jeder Silbe ins nächste Feld…und siehe da….schon kann man wieder im Schritttempo sprechen, ohne dass die Wörter heraus purzeln. Ihr glaubt nicht wieviel ich seither wieder spreche. Anfangs habe ich es jedem erzählt, der es hören wollte ( oder auch nicht).
Wenn da nur nicht meine Vergesslichkeit wäre…
Immer wieder habe ich mein „Schwätzbrettle“ zuhause vergessen oder verlegt. Die Sucherei nahm kein Ende. Meine Familie war so genervt davon, dass sie mir vorschlugen, es mir doch auf den Unterarm tätowieren zu lassen, da ich meinen Arm ja immer dabei habe.
Gesagt, getan… So kam ich im zarten Alter von 62 Jahren zu meinem ersten Tattoo und habe jetzt immer mein Schwätzbrettle dabei und kann wieder schwätzen.
Werde ich jetzt wieder pubertär? Aber gerne doch!!!

Eine Antwort auf „Wie ich im zarten Alter von zweiundsechzig Jahren zu meinem ersten Tatoo kam“

  1. Oh Johanna ! Das ist toll !!!! Jetzt hast du es immer bei dir ! Das freut mich von Herzen für DICH Schwötzerle !!!! Lg von Barbara …. Badische Wurzeln wie du . Gell ????

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