
Ich muss jetzt grad mal ein bissel jammern…
Ich war heute mit meiner Familie im Europapark… das erste Mal mit einem vom Park geliehenen Rolli und habe sehr interessante Erfahrungen gemacht, an denen ich Euch gerne teilhaben lassen möchte.
Ich habe heute zum einen erkannt, wir beide werden keine Freunde!!! Eher eine Hassliebe oder eine vom Leben oder Schicksal (oder wie auch immer man es nennen will) aufgezwungene Tatsache. Als nächstes durfte ich erfahren, wie schnell man wieder zum Kleinkind wird und deutlich klarstellen muss, dass man eine erwachsene Person ist, die sehr wohl in der Lage ist, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, z.B. auf die Frage “ musst du mal Pipi ? WIE BITTE ??? Mann, ich kann selbst äußern wenn ich auf Toilette muss. Oder, dass immer jemand bei mir bleibt wenn die anderen eine Bahn fahren wollen. Anfangs haben sie sich abgesprochen, wer auf die Oma aufpasst… als hätte ich eine demenzbedingte Weglauftendenz oder würde sonst irgendwas anstellen… Das habe ich mir 3 Stationen lang angeschaut und dann mal nachgefragt für wie senil die mich eigentlich halten und angedroht, dass ich mit dem nächsten Bus nach Hause fahre…Das hat dann einigermaßen funktioniert, aber es kam jedes Mal die Frage „soll ich nicht vielleicht doch besser bei dir bleiben?“….NEEEIIINN !!! Ich bin ein großes Mädchen.
Diese Erfahrungen konnte ich noch belächeln, da sie liebevoll, gut und sehr fürsorglich gemeint waren. Nur mit dem Maß hat es nicht ganz gekappt. Aber das ist ein Lernprozess, an dem wir als Familie wachsen können (Liebe Family, ich hab Euch trotzdem lieb. WIR SCHAFFEN DAS !!!).
Die anderen Erfahrungen waren eher unschön, aber sie werden mich wohl weiterhin begleiten, auch wenn ich eine erwachsene Frau mit 61 Jahren Lebenserfahrung bin. Da wäre zum einen das ständige Fragen müssen, kannst du mich hierhin oder dorthin fahren? Können wir bitte anhalten? etc. in Kombination mit sehr lauter Umgebung, gepaart mit meiner leise gewordenen Stimme, und meine Stotterprobleme noch dazu, musste mein Schieber jedes Mal anhalten, sich zu mir herunterbeugen und nochmal nachfragen. Und da ich bisher eine Meisterin im „nicht um Hilfe bitten“ war, und mich bis heute sehr schwer damit tue war diese Abhängigkeit für mich kaum auszuhalten.
Ich kann Euch sagen, das war für mich das Anstrengendste und Frustrierendste vom ganzen Tag. Und dann diese Kopfsteinpflaster, wegen denen wir den Rolli geliehen hatten… man muss da schon sehr magenfest und schwindelfrei sein. Also hatte ich zwei Auswahlmöglichkeiten 1.) zu laufen und das Kopfsteinpflaster mind. 10 mal mit mir zu dekorieren oder 2.) den ganzen Tag Schwindel, Übelkeit zu haben und Schüttelfestigkeit zu üben. Ich hab mich für die zweite Variante entschieden. Aber etwas Gutes hatten diese verdammten Dinger auch: Ich hatte den ganzen Tag keinen Hunger, was den Aufenthalt im Park doch deutlich vergünstigte.
Fazit: Trotz all dieser Erfahrungen war es ein wunderbarer Tag, an dem wir alle viel Spaß hatten, viel gelernt haben und noch näher zusammengerückt sind.

Hallo Johanna,
erstmal muss ich Dir ein Kompliment machen. Du bist so eine humorvolle und positive Frau, trotz dieser besch…. Krankheit.
Deine Beschreibung, wie du Dich gefühlt hast, das erste Mal im Rollstuhl, hilft bestimmt vielen Angehörigen, es besser zu machen.
Ich weiß noch genau, wie ich meinem Mann den (elektrischen) Rollstuhl fast aufgezwungen habe und er sich komplett dagegen gewehrt hat.
Uns hat damals auch ein Familienausflug auf die Blumeninsel Mainau geholfen. Dort konnte ich für ihn so ein „Boby-Car“ (dein Name für ein elektrisches Seniorenmobil) mieten, damit er überhaupt mit uns allen die
ganze Insel erkunden konnte. Danach hat er sich selber im Internet kundig gemacht
und wir haben einen klappbaren Elektro Rolli bekommen (in Ferrari Rot😉)
Damit konnten wir endlich wieder zusammen spatzieren gehen bzw. fahren.
Weil er diesen an Anfang noch selbst steuern konnte, war es ein sanfter Einstieg in die Abhängigkeit der Räder, die die Beine ersetzen.
Aber ich weiß noch genau, wie unwohl er sich immer gefühlt hat, und bestimmt immer noch fühlt, wenn er im Rollstuhl geschoben wird.
Behalte deinen Humor und bleib so positiv.
Liebe Grüße
Anja
Liebe Johanna,
Ja manchmal muss man aneinander rauschen, um zusammenzurücken. Ich finde es wirklich super, dass du nicht einfach gute Miene zum lieb gemeinten Spiel gemacht hast. Ich hatte letzte Woche diese übergriffige Erfahrung mit einem Freund machen müssen, der zu mir sagte, wenn mir doch schon Hilfe angeboten wird, dann soll ich doch nicht so verdammt stolz sein und sie ablehnen. Ich bin fast ein bisschen sauer geworden. Ich hab ihm dann erklärt, dass ich so viel wie möglich alleine schaffen will und dabei auch mal gern an meine Grenzen oder auch drüber hinaus kommen will. Einfach um in Übung zu bleiben, weil ich Angst habe, mein Zustand verschlechtert sich sobald ich aufgebe und mir Alles abnehmen lasse.
Vor dem Rollstuhl fürchte ich mich. Ich wurde 04/25 in einen ohne Motor gezwungen, weil ich mir den Fuß gebrochen hatte. Es war der Horror. Viel zu schlechte und zu enge Wege, viel zu wenig und zu verzweigte Fahrstühle, viel zu viele Steigungen. Ich war permenent auf Hilfe angewiesen.
Deinen Bericht finde ich super und du hast den Tag mega gemeistert. Respekt!!!
Viele liebe Grüße
Maik