
Hier noch eines meiner Märchen. Ich habs zum Thema MSA-C geschrieben und wie ich es meiner Tochter beigebracht habe. Die Namen sind geändert:
Der Waldvater und die leise Krankheit
In einem kleinen Dorf, ganz nah am Waldrand, lebte ein Mädchen namens Vindrun. Sie liebte Tiere, den Wind im Haar, das Knacken der Zweige unter ihren Füßen und sie liebte ihren Papa und ihre beiden Brüder.
Er war kein gewöhnlicher Papa. Er konnte mit Bäumen reden, fand jeden versteckten Pfad und wenn er Geschichten erzählte, hörte selbst der Wind zu. Die anderen Kinder nannten ihn heimlich den Waldvater, weil es schien, als gehöre er selbst zum alten Land.
Doch eines Tages, als der Frühling gerade erwachte, merkte Vindrun etwas. Ihr Papa lief langsamer und vorsichtiger. Mal verlor er das Gleichgewicht und dann stürzte er auch noch. Manchmal brauchte er länger, um sich zu setzen. Und manchmal sah sie in seinen Augen etwas, das sie nicht kannte: Müdigkeit. Nicht so wie „Ich-bin-nach-der-Arbeit-müde“, sondern mehr wie „Mein Körper flüstert mir etwas und ich begreife wo die Reise hingeht“.
Eines Abends, als die Dämmerung wie goldenes Moos durch die Bäume fiel, nahm Papa sie mit zu einer alten Buche.
„Setz dich zu mir, Vindrun“, sagte er.
Sie tat es.
Dann schwieg er eine Weile und sagte:
„Du weißt doch, wie manche Bäume von innen hohl werden, auch wenn sie außen noch stark dastehen?“
Vindrun nickte.
„Sie leben weiter, aber sie verändern sich.“
Papa nickte ebenfalls.
„In mir lebt etwas, das mich langsam verändert. Eine Krankheit, die nicht laut ist, nicht wild, eher wie Nebel. Sie zieht langsam in mich hinein und nimmt mir nach und nach ein paar Dinge ab: Gleichgewicht, Kraft, ein bisschen Schnelligkeit.“
Vindrun sagte lange nichts. Dann fragte sie leise: „Heißt das, du wirst irgendwann…?“ Papa legte seinen Arm um sie.
„Ja. Irgendwann werde ich gehen. Nicht gleich. Und nicht allein. Und ganz sicher nicht ohne dich im Herzen. Und so wie die Sonne woanders weiterleuchtet, wenn sie untergeht, wird auch mein Licht einst woanders weiterleuchten, aber nie verlöschen. Hier leuchte ich für immer weiter“, sagte der Vater und zeigte auf ihr Herz.
Dann holte er etwas aus seiner Tasche. Eine kleine geschnitzte Holzfigur: eine Sonne mit lachendem Gesicht. „Diese habe ich für dich gemacht. Sie heißt Hjarta, das bedeutet Herz. Wenn du sie ansiehst, weißt du: Ich bin nicht weg. Nur anders.“
Vindrun nahm Hjarta in die Hand. Sie war warm. Und mutig.
Papa fuhr fort:„Du musst jetzt nicht alles verstehen. Du darfst traurig sein. Du darfst auch lachen, spielen, wütend sein. Alles gehört dazu. Und solange ich kann, bin ich hier, um dich zu sehen, zu hören, zu lieben.“
Dann saßen sie lange unter der Buche.
Die Blätter flüsterten und die Sonne aus Holz lag zu ihren Füßen und sah in den Himmel. Und Vindrun wusste:
Manche Wege sind schwer. Ganz schwer. Aber keiner muss sie ganz allein gehen. Nicht, solange es Liebe gibt.
„Und mein Schatz“, langsam stand der Vater mit Hilfe des Baumes auf. Er reichte Vindrun die Hand und sprach lächelnd: „Vor dem Tod kommt das Leben und das genieße ich mit niemanden lieber, als mit dir und deinen Brüdern.“

Hallo Maik,
Dein ‚Märchen‘ ist wunderschön geschrieben und hat mir die Tränen in die Augen getrieben.
Es tut gut zu wissen, dass ich nicht alleine mit diesem schleichenden Unglück bin.
Danke dafür und liebe Grüße
Annette